
Lüdersen. Mit Tomaten fing alles an. Mit Ochsenherz, German Gold, Berner Rose und Grün-Zebra. Damals, das war vor zwei Jahren, als sich Andrew Klinge mit seiner Familie in Lüdersen eine Existenz aufbaute. „Uns war klar, wir brauchen einen festen Termin für den Verkauf.“ So wurde er geboren, der kleinste Wochenmarkt im Stadtgebiet.
Zufällig hat Andreas Walczak heute Nachmittag hergefunden. Mit seinem Fahrrad ist er abgebogen in den Privatweg In der Rehr. Jetzt lehnt sein Bike vernachlässigt am Obststand – die volle Aufmerksamkeit seines Fahrers gilt dem Käse von Sigrun Albat. „Hier ist man gut beraten“, findet der Bennigser. Was bei ihm vor Ort nicht funktioniert, hat das kleine Bergdorf in Eigenregie geschaffen: einen bezaubernd idyllischen Markt mit zwei Ständen, zwischen denen Kinder umhertollen, wo der neueste Tratsch ausgetauscht und über die verdammte Baustelle geschimpft wird. Familiär geht es zu, landwirtschaftlich-romantisch.
Walczak lässt sich inzwischen füttern. Sigrun Albat hat ein großes Herz für ihre Kunden. Klar, auch Preise, die teurer sind als in einem gewöhnlichen Supermarkt. „Ich weiß die Qualität zu schätzen“, sagt der Radfahrer. Er unterstütze lieber die Kleinen. Die Händlerin hat inzwischen fünf Stücke Käse abgeschnitten, verpackt und eingetütet. Darunter Bioschafkäse, Sternkäse vom Bodensee, karamellgezuckerter Ziegenkäse. Dienstagnachmittags, da war noch Platz im Wochenplan der Käsefrau. Und so hat sie sich arrangiert mit Klinge gegenüber, mit dem sie sowieso nachbarschaftlich befreundet ist. Ihre Erfahrung: „Die Leute finden klasse, was wir hier machen.“
In Zeiten, in denen die Versorgung auf dem Land immer schlechter wird, entwickelt sich in Lüdersen eine Gegenbewegung. Ältere Damen wie Dagmar Beese finden das klasse. Sie greift in eine Schale, auf der Andrew Klinge aufgeschnittene Tomaten zur Verköstigung anbietet. Genießerisch schließt Beese die Augen. „Ein Traum – das schmeckt ja wie aus Opas Garten“, schwärmt die Lüderserin. Erstaunlich: Der Mini-Mini-Markt lockt Menschen sämtlicher Altersklassen an: „Vorhin waren Scharen von Kindern hier, das war so laut, dass ich nicht mal die Kunden verstehen konnte“, sagt der Gemüsehändler der Gärtnerei „Wurzelwerk“ lachend.
Hinter seinem Stand ranken die Pflanzen in einem Gewächshaus empor. Sie scheinen zu rufen: „Schaut uns an, wir sind von hier, nicht aus Holland.“ Der Lüderser setzt auf Bio. Denn er hat bemerkt, dass die Verbraucher wissen möchten, wo die Lebensmittel herkommen, die sie essen. Dass sie Verständnis haben dafür, dass Tomaten nun mal nicht rund ums Jahr wachsen. Und dass sie bereit sind, Betrieben vor Ort ihr Vertrauen zu schenken. Das Konzept geht auf, die Kasse stimmt.
Vor drei Wochen sprach Klinke also Sigrun Albat an. „Wenn zwei hier stehen, sagen die Leute nicht, das ist doof – sondern sie fragen, wo der Dritte ist.“ Wahrscheinlich, dass der Markt auch nach der Baustelle weitergeführt wird. „Es macht einfach Spaß hier, permanent kauft jemand ein – da ist immer ein schöner Schnack dabei“, sagt Sigrun Albat und reicht schon wieder Käsestückchen über den Tresen. Glückliche Empfänger sind Beate und Rolf Hölscher. Sie sagen: „Wenn jetzt noch ein Bäcker hier wär‘, dann hätten wir unseren gesamten Einkauf erledigt.“ Gespräche dazu laufen bereits.
Der Mini-Markt in Lüdersen hat immer dienstags von 15 bis 18 Uhr geöffnet.
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